Bulimie und Sport?

von Bernadeta Salini (Kommentare: 0)

Ein kleines Päuschen während des Joggens?
Früher, als ich noch „essgestört“ war, wäre es unmöglich gewesen. Sobald ich meine Joggingschuhe anhatte, begann das Rennen „ums Überleben“. Immer weiter und immer schneller. Ich weiß gar nicht, wie mein Körper das ausgehalten hat, aber es muss ein Wunder gewesen sein.
In meinen schlimmsten Bulimie-Phasen behielt ich kaum etwas in meinen Magen. Das Essen ging nur rein und raus, rein und raus. Mit großer Mühe zwang ich mich, eine Portion Müsli in mir zu behalten, um die Schwindelgefühle vermeiden zu können. Nicht mal während meiner Sportausbildung, bei der ich an manchen Tagen bis zu 8 Stunden Sport machte, aß ich regelmäßig. Ich freute mich buchstäblich über das kalorische Defizit. Je mehr Sport und weniger Energiezufuhr, umso besser und zufriedener fühlte ich mich. Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen Halbmarathon, den ich übrigens zwei Mal gelaufen bin. Herzklopfen bis zum Herzrassen, Schwindel bis es mir schwarz vor Augen wurde, Hauptsache ich komme ins Ziel unter zwei Stunden. Es ist kaum zu fassen, was unser Körper so alles aushält. Ich hatte über 2,5 Jahre Sport- Ausbildung und über 10 Jahre Arbeit im Sport- und Fitnessbereich hinter mir, bis ich eines Tages begriffen habe, dass ich mit dem Sport aufhören muss. Ich stellte fest, dass meine Bulimie mit dem Sport fest zusammenhängt und gemeinsam mit ihr ein selbstzerstörerisches Programm bilden.
Als ich mich entschieden habe, meine Bulimie anzugehen, hörte ich mit dem Sport komplett auf. Ehrlich gesagt, muss ich mich nicht wirklich darum bemühen, denn mein Körper trifft die Entscheidung für mich. Bei jedem Gedanken an Sport ist mir so schlecht, dass ich keine Lust mehr auf Bewegung habe. Als Folge dessen, sage ich alle Kurse in meinem Sportstudio ab und ziehe mich aus jeder sportlichen Unternehmung heraus. Natürlich werde ich von anderen Menschen komisch angeschaut und manchmal höre ich Kommentare wie „was ist mit dir los, du bist so langweilig geworden“ usw. Aber das ist mir gleich. Ich selbst weiß warum ich das tue und das reicht mir. Es dauert fast 1,5 Jahre, bis ich zum ersten Mal ein „moderates“ Training absolviere. Für mich ist es eine komplett neue Welt. Aber das schönste daran ist, es ist einfach wunderbar. Zum ersten Mal spüre ich mich beim Sport und vor allem meinen Körper. Ich fange an wieder leichte Joggingeinheiten zu planen und laufe diese sehr bewusst. Zu meiner eigenen Verirrung gefällt mir diese Art des Trainings. Keine Herzschmerzen, kein Herzrasen, kein Schwindel, keine Übelkeit mehr und stattdessen einfach mal anhalten, wenn es schön ist. Meine ganze Eistellung zum Sport gewinnt eine neue Ausrichtung. Heute mache ich Sport für und nicht mehr gegen meine Gesundheit. Ich habe inzwischen mein ganzes Leben um einige Gänge runtergeschaltet. Mein selbstzerstörerisches Programm ist nicht nur an meinen Sport gekoppelt, sondern an sehr viele andre Lebensbereiche. Mein Weg aus der Bulimie folgte über viele Entdeckungen in meinem Inneren und vor allem hat er von außen nach innen stattgefunden. Heute werde ich oft gefragt, ob ich keine Angst habe, dass ich rückfällig werde. Wenn ich mir einer Sache sicher bin, dann der, dass ich nie wieder zurück kann und auch nie wieder zurück möchte. Ich habe in den letzten Jahren sehr viel zum Thema Bulimie geforscht und gelernt und weiß, dass jede Betroffene gesund werden kann und das nachhaltig. Dafür gibt es inzwischen viele Beweise und Vorbilder: Andrea Ammann, Dani Con, Juliane Richter, Kira Céline Siefert, und bestimmt noch viel mehr...
Lerne von denen, die es selbst geschafft haben, die Essstörung hinter sich zu lassen und das eigene Leben zu verändern. Ich persönlich hätte mir damals gewünscht, dass es mehr Frauen gibt, die offen über ihre Essstörung sprechen und anderen Betroffenen Mut spenden. Aber nichts passiert ohne Grund.
Heute gehöre ich selbst zu diesen Persönlichkeiten, die öffentlich über Bulimie und eigene Betroffenheit sprechen und möchte allen da draußen Mut machen, den ersten Schritt zu gehen.

Deine Bernadeta

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