Essstörung als Ablehnung der Weiblichkeit

von Bernadeta Salini (Kommentare: 0)

Die meisten Essstörungen brechen in der Pubertät aus. In einer Lebensphase, wo eine ganz wichtige Identitätitsfindung stattfindet. Während dieser Zeit sucht ein pubertierender Mensch nach Vorbildern und Personen, nach denen er sich orientieren und von ihnen lernen kann. Für den Teenager ist es „die wichtigste“ und zu gleich die schwierigste Phase in seinem Leben. Zu den aller ersten Vorbildern im Leben eines Kindes gehören die Eltern oder seine Bezugspersonen. Diese werden in den ersten Lebensjahren idealisiert und bleiben „unantastbar“ in der Vorstellung eines Kindes. Bis sie selbst zu eigenen Persönlichkeiten werden und anfangen all das zu hinterfragen, was ihnen in ihrem Elternhaus vermittelt wurde. Nun was passiert mit dem Teenager, wenn er feststellt, dass seine eigene Wahrheit nicht mehr mit der seiner Eltern übereinstimmt? Er fängt an, sich von der Familie stark abzugrenzen und in der Außenwelt nach Vorbildern zu suchen. Nun wo sucht man in seinem Umfeld nach Vorbildern? Für einen Jungen sind das meist Vereins- oder Fitnesstrainer, Lehrer oder sogar Cliquen, zu diesen Sie unbedingt gehören möchten. Und für diese sind sie bereit alles auf‘s Spiel zu setzten oder sogar aufzugeben. Aber damit kennen ich mich zu wenig aus. Nun wie ist es mit den Mädchen? Was passiert mit den meisten heranwachsenden Frauen, die anfangen nach weiblichen Vorbildern zu suchen? Hier möchte ich über diese Mädchen sprechen, die in diesem Alter in eine Essstörung reinrutschen. Für diese gibt es in den meisten Fällen im eigenen zu Hause keine „würdigen“ Vorbilder. Leider! „Ich will nicht so sein wie meine Mutter, die ist so unselbstständig und angepasst“ oder „ich werde nie so sein, wie mein Vater. Er ist nur am Arbeiten und hat keine Zeit für mich. Und wenn er schon da ist, ist er immer gestresst“. Das sind die meisten Aussagen von Menschen, die keine positiven Kindheitserinnerungen an das eigene Familienleben haben. Nun was passiert, wenn ein Mädchen kein Frauenvorbild in der eigenen Familie finden kann?  Oder sogar eine Angst davor entwickelt eine „Frau“ zu werden? Nicht selten entwickelt sich bei Betroffenen eine starke Ablehnung des weiblichen. [1] Alle weiblichen Merkmale wie: Rundungen, breitere Hüften, volle Oberschenkel und Brüste, werden abgelehnt. Werte wie Weichheit, Sinnlichkeit, Hingabe, Verbundenheit, Fürsorglichkeit, Emotionalität und Intuition, die eine Frau von einem Mann unterscheiden, finden keinen Platz in ihrem Leben und werden als Zeichen von Schwäche betrachtet. Als Folge, werden eine Reihe von negativen Glaubenssätzen im Unterbewusstsein einer jungen Frau manifestiert: „Frauen sind schwach und untergeordnet. Sie haben nichts zu sagen oder haben sich nur um die Kinder zu kümmern“. Je nach dem was die eigene Mutter vorgelebt hat, wird von der Tochter in der Regel abgelehnt, um nicht so zu Enden wie sie. [2] Dies führt dazu, dass die junge Frau ganz früh beschließt erfolgreich zu sein und sowohl emotional wie auch finanziell unabhängig zu werden. Und das ganz oft viel zu früh. Denn sie glaubt, dass Unabhängigkeit und Gefühlslosigkeit sie glücklich macht. Die sogenannte „Leistungstochter“ wird geboren und orientiert sich daran, was gerade „IN“ ist. Fernsehwerbung, Social Media und Plakate bieten genügend Stoff zum Nacheifern, wie man als Frau erfolgreich wird. Eine Frau? Sie muss schlank bis dürr sein, damit sie anerkannt wird. Eine Frau soll Ziele haben, sie verfolgen und wissen wohin sie mit ihrem Leben will. Genug Geld verdienen, am besten eine Führungsposition innehaben und optimaler Weise zwei Kinder haben. Sie soll von ihrem Mann finanziell unabhängig sein, damit sie im Falle einer Trennung selbst für die Kinder aufkommen kann. Überall wird suggeriert wie man zu sein hat um Ansehen zu bekommen. Und das allerwichtigste dabei ist: Eine Frau muss schlank sein! „Nur ein schlanker Körper macht aus dir eine echte und erfolgreiche Frau!“ Die Botschaften, mit denen wir jede Sekunde unseres Lebens konfrontiert werden, lauten: du musst etwas HABEN, damit du jemand BIST. Früher „zu meiner Zeit“, haben die Models noch ein Lächeln im Gesicht gehabt. So dachte man: wer schlank ist, ist glücklich. Heute braucht man ein lachendes Modelgesicht nicht mehr, um zu suggerieren: wer schlank ist, ist glücklich und erfolgreich. Denn um Diät Produkte kaufen zu können ,die kaum funktionieren, braucht man eine Menge Geld. Also übernehmen die jungen Frauen diese Bilder und sie werden zur eigenen Realität. „Ich muss schlank sein, um jeden Preis.“ Und das ist der Knackpunkt. Der Körper eines pubertierenden Mädchens ist nicht für Diäten gedacht, genau das Gegenteil ist der Fall. Im Alter wo ein Mädchen zur Frau wird, ist es wichtig, dass es genügend Fettzellen aufbaut, damit sie ihren weiblichen Körper und einen bestimmten Hormonhaushalt aufbauen kann, um zu „reifen“. Nur wird das durch den Schlankheitswahn unterbunden. Das wiederum führt dazu, dass die junge Frau ihren Wachstums- und Reifungsprozess verhindert und ihren Hormonhaushalt nachhaltig zerstört. Es kommt zu Dysfunktionen und Stoffwechselstörungen in ihrem Körper. Woraus sich eine Essstörung entwickeln kann! Der Teufelskreis beginnt. Diese junge Frau entwickelt ein völlig falsches Selbstbild. Eine falsche Überzeugung von ihrem aussehen. Und das schlimmste daran ist, dass es zum eigenen Glauben wird. Die eigene Wahrheit ist verzerrt. Ich hatte neulich ein wunderbares Gespräch mit einer Mutter, die eine anorektische Tochter „hatte“. Die liebe Michaela Pukrop erzählte mir über die Krankheit ihrer Tochter und darüber, was es mit ihr selbst und ihrem Selbstbild gemacht hat. Eine wahnsinnig ergreifende Geschichte, die auf meinem YouTube Kanal zu finden ist. Eine Aussage von Michela hat mich besonders berührt: „meine Tochter und ich befanden uns in einer Symbiose. Alles was sie gespürt hat, habe ich auch gespürt, sobald sie in meiner Nähe war. Jede Sekunde.“ Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, dass wir als Eltern mit unseren eigenen Themen aufräumen. Und das optimaler Weise, bevor wir Kinder bekommen. Denn als Michaela angefangen hatte, an sich selbst als Mutter zu arbeiten, konnte ihre Tochter in Heilung gehen.

Nun das Fazit aus meiner Gedankenreise: ein authentisches weibliches Vorbild ist nicht in den Medien zu finden, sondern von Frauen, die selbst den Weg zu ihrer Weiblichkeit gegangen und gefunden haben.
Frauen lernen von Frauen und Frauen stärken sich bei Frauen.
Männer lernen von Männern und Männer stärken sich bei Männern.
Früher hat man gesagt: Um Kinder zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf. Schade, dass es heute nicht mehr geht. Aber es ist möglich heut zu Tage nach echten Vorbildern, echten Frauen und echten Männern zu suchen.




Eure Bernadeta



[1] Rabentöchter – Julia Onken – C. H. Beck Verlag

[2] Weiblicher Narzissmus – Bärbel Wardetzki – Kösel Verlag

Zurück