Mögliche Ursachen für die Entwicklung einer Essstörung bei Kindern.

von Bernadeta Salini (Kommentare: 0)

Wie entsteht eine Essstörung bei Kindern? Dieser Prozess beginnt schleichend und ist multifaktoriell. Es spielen psychische, biologische, familiäre, soziokulturelle Faktoren eine sehr große Rolle. Damit sich eine Essstörung entwickeln kann, müssen einige Faktoren aufeinandertreffen und eine gewisse Persönlichkeitsstruktur muss auch vorhanden sein. Das bedeutet, nicht jedes Kind wird in der Pubertätsphase (Adoleszenz) eine Essstörung entwickeln können. Heute möchte ich auf den familiären Faktor etwas näher eingehen.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind einer Mutter, die von einer Essstörung betroffen ist oder war, selbst an einer erkranken wird? Ist das überhaupt möglich? Die Antwort ist: Ja.

Die Wahrscheinlichkeit ist in dieser Konstellation viel höher, als in einer Familie, in der das Thema Ernährung und Körper keine Rolle spielt.

Warum ist das so? Die Kinder sind das Spiegelbild ihrer Eltern. Sie übernehmen unbewusst alle Verhaltensmuster, Denkweisen, die Art des Redens, Mimik, Gestik, aber der Stimmungslage. Auch die Art, wie man mit dem eigenen Körper und Figur umgeht, wird von Kindern sehr häufig adaptiert. Kinder sind wie Frequenzempfänger. Sie empfangen nicht nur unsere Gefühle und Emotionen, sie empfangen auch Attributionen. Da Gefühle Frequenzen sind, könne wir nichts vor unsren Kindern verstecken. Sie fühlen alles, könne es aber nicht verstehen. Dafür fehlt den Kindern das Bewusstsein hierzu.

Wie läuft dieser Prozess bei den Kindern ab? Sie beobachten uns in allen Lebenssituationen, sehen unser Verhalten, unsere Mimik und Gestik und verknüpfen es mit dem was sie fühlen. Dazu nehmen sie auch noch Gesagtes mit und verbinden es mit der jeweiligen Person. Ein Glaubenssatz entsteht und wird im Gehirn abgespeichert. Im Laufe der Zeit bilden sich hunderte von solchen Überzeugungen und werden im Unterbewusstsein des Kindes gespeichert. Das Schlimmste an der ganzen Sache ist jedoch, dass diese Glaubensmuster nicht zu den Kindern gehören, es sind „fremd“ aufgefangene und für eigene gehaltene Glaubenssätze. Die Kinder wissen immer, ob es uns gut geht oder ob wir uns gerade in irgendwelchen Konflikten befinden. Unsere Reaktionen auf Geschehnisse sind immer gleich. Kinder lernen von uns Eltern, Großeltern, Lehrern, Freunden und Mitschülern und anderen Bezugspersonen, wie man mit den anderen Menschen und mit sich selbst umzugehen hat. Es wird am Beispiel gelernt. Wenn wir als Erwachsene kritisch und streng mit unsrer Figur und unserem Aussehen umgehen und es noch laut im Bad oder sogar am Esstisch kommunizieren, dann werden die Kinder diesen kritischen Umgang mit sich selbst von uns übernehmen und diesen für RICHTIG halten. Es wächst die Überzeugung im Kind „nur wenn ich schlank bin, bin ich was wert“ oder „man muss schlank sein, um glücklich zu sein“, oder „nur wenn ich schlank bin, bin ich glücklich“. In meinen Augen ist es schon schlimm genug, dass uns schon die Medien ständig vorgaukeln, wie wir zu sein und uns anzuziehen haben. Das Zuhause ist ein Rückzugsort. Zu Hause sollten sich Kinder sicher und geborgen fühlen. Das Zuhause ist ein Ort, wo die eigenen Probleme angesprochen werden sollten und wo jedes Kind so sein darf, wie es ist. Heutzutage wird viel von den Kindern erwarten. Außer den hohen schulischen Erwartungen, werden sie fast alle in irgendwelche Kurse gesteckt, ob Sport, Instrument spielen oder Theater, sie müssen dort neue Fähig- und Fertigkeiten entwickeln und lernen. Und dann erwartet man von ihnen, dass sie immer lieb und artig bleiben und sich in jeder Situation angemessen verhalten sollen. Aber das reicht immer noch nicht, sie müssen noch für ihre Klassenarbeiten lernen, ihre mitmenschlichen Konflikte in der Schule alleine, wie ein Erwachsener klären und sie dürfen dabei die Fassung nicht verlieren und auf gar keinen Fall ausrasten. Und das beste noch, sie müssen auf ihre Ernährung achten und sich gesund ernähren!!! Ah, die Noten habe ich vergessen. Natürlich, Ziel sollte es sein zu den Besten der Klasse zu gehören. Der Druck bei den Kindern ist hoch und die Tendenz steigt. Heute wird von den Kindern erwartet, dass sie FUNKTIONIERN. Es gibt keine Zeit mehr für die Persönlichkeit des Kindes, die übrigens auch von Bezugspersonen selbst zerstört werden kann. Aus der evolutionsbiologischen Sicht reagiert der Mensch auf Stress bspw. eine Situation, die für eins schwierig oder unlösbar erscheint, auf drei Arten: Flucht, Kampf oder Tod stellen. Man kann sich gut vorstellen, wie es ist, wenn man als Elternteil von der Lehrerin angerufen wird, weil das Kind in eine Schlägerei verwickelt war. Auf den ersten Blick scheint es ärgerlich zu sein, aber aus der evolutionären Sicht sieht das ganz anders aus, nämlich: das Kind hatte in jener Situation noch das Gefühl, dass es Chance zu gewinnen hat.

Jetzt ein anderes Beispiel: ein Kind wird zu Hause, ich nenne es mal „blöd angemacht“, weil es zu viel, zu wenig oder das Falsche isst. Bei jedem gemeinsamen Essen wird dieses Thema angesprochen, oder „blöd gesagt“, dem Kind wird ein unangemessenes Verhalten vorgeworfen. Und schon steckt die ganze Familie im Thema ESSEN. Mit der Zeit entwickelt sich für alle Familienmitglieder ein Gefühl, dass ESSEN etwas ist, worauf man achten muss. Das Essen wird zum Haupthema und alles dreht sich darum. Das ganze ESSTHEMA wird negativ vom Kind belegt und mit Stress verbunden. Selbst bei familiären Treffen wird ihm laut und deutlich signalisiert, dass es dick werden wird, wenn es weiter so macht. Das Kind wird wahrscheinlich folgendermaßen reagieren. Als ersten wird das Kind versuchen, sich eventuell noch zu rechtfertigen, darüber zu sprechen oder es zu ignorieren. Als nächstes wird es anfangen dagegen zu steuern und für die „eigene Portion“ zu kämpfen. Das wiederum führt zu noch mehr Stress für das Kind und Familie. Es wird alle Möglichkeiten austesten, die es bereits kennt, um die eigene Autonomität zu bewahren. Dann passiert es, die Prophezeiung der Eltern wird ins Leben gerufen. Das Kind nimmt zu. Für das Kind bricht eine Welt zusammen. Das Kind denkt: meine Eltern hatten Recht und schämt sich für das eigene Essverhalten. Es schämt sich dafür, dass es die Eltern enttäuscht hat. Das Schamgefühl ist eins der unangenehmsten Gefühle, die man als Mensch empfinden kann. Scham liegt ganz unten auf der Gefühlsskala und wenn ein Kind sehr früh lernt, Scham zu empfinden, wird es ein negatives Selbstbild entwickeln. Das Kind projiziert alles auf sich und den eigenen Selbstwert und in solcher Situation steht das Kind allein da. Es traut sich nicht mehr, über die eigene Enttäuschung zu sprechen und schlimmer noch, es möchte die eigene Traurigkeit nicht zeigen. Auf die Eltern kann es nicht zählen, sie haben es ja schon im Vorfeld gesagt, dass es zunehmen wird. Weglaufen von der Familie kann e auch nicht, also bleibt nur der Rückzug. Das Kind wird versuchen sich selbst zu trösten. Süßigkeiten helfen die Trauer kurzzeitig zu verdrängen. Eine Sucht ist geboren. Nicht selten passiert das alles versteckt. Es wird versuchen die schlechten Gefühle wegzuessen, oder weg zu drucken und weil es sich wieder gut fühlen will, wird es probieren sich von diesen negativen Gefühlen zu distanzieren. Je länge so ein Zustand dauert, kann es passieren, dass das Kind schon im frühen Altem seine Gefühle „einfrieren“ wird. Ein Zustand der „Gefühlskälte“ entsteht. Das ist der Zeitpunkt, an dem das Kind sich jetzt eventuell dafür entscheidet, nichts zu essen. Jetzt nehmen wir mal an, dass Kind bekommt als Folge eine schlechte Note in der Schule. Es enttäuscht nun nicht nur die Eltern, sondern auch die Lehrerin. Zu Hause wird die blöde Note beim Abendessen angesprochen und es wird für das Kind immer schlimmer und schlimmer. Denn Kinder haben ein Ziel. Sie wollen immer gefallen und ihr Bestes geben. In so einer Situation wird das Kind versuchen, alles wieder in Griff zu bekommen. Es denkt sich: wenn ich die Noten wieder verbessere, werden meine Eltern wieder zufrieden mit mir sein. Und eventuell schafft es das sogar. Alle sind wieder glücklich und das Kind wird gelobt. Der Haken an der ganzen Geschichte ist die Konditionierung, die in seinem Gehirn entwickelt hat „wenn ich Leistung bringe, werde ich geliebt“, „nur wenn ich gute Noten habe, bekomme ich Anerkennung“ oder „nur wenn ich gute Noten bekommen, bin ich was wert“. Jede Entstehung einer Essstörung ist sehr individuell und sollte auf diese Weise auch angeschaut werden. Und wie ich bereits am Anfang erwähnt habe, treffen bei der Entstehung einer Essstörung viele Faktoren zusammen. Manchmal reicht aber auch ein einziger Satz bezüglich der eigenen Figur, um ein gestörtes Essverhalten auszulösen.

Eine Sache liegt mir aber noch sehr am Herzen. Kinder, die sich verletzen, traurig sind oder weinen, werden oft mit Süßigkeiten getröstet.

Warum ist das so? Aus dieser Verknüpfung von Trost mit Süßem kann eine Konditionierung entstehen, die die Menschen oft bis ins Erwachsenenalter begleitet. Und weil wir es so beigebracht bekommen haben, werden wir uns als junge oder erwachsene Menschen bei jeder Stresssituation, Traurigkeit oder Liebeskummer mit Essen trösten. In einer Traurigen oder schmerzhaften Situation brauchen die Kinder von uns nur eins. Zuwendung. Einfach auf den Schoss nehmen oder umarmen. Es muss hierzu nicht gefragt werden warum, wieso. Einfach nur HALTEN. Eine Umarmung bewirkt Wunder.

Zum Schluss möchte ich euch eine schöne Übung mitgeben: gehe heute auf jedes deiner Kinder zu und umarme es 2 Minuten lang, ohne etwas zu sagen. Wir möchten, dass unsere Kinder ihre Individualität entwickeln, aber die heutige Erziehungsweise sagt, passe dich an und funktioniere! Auch beim Essverhalten. Kinder wissen ganz genau, was sie an Nährstoffen brauchen. Wie funktioniert das? Kinder besitzen eine Intuition, die ihnen das sagt. Und kann ein kleiner Mensch bspw. ein Jahr lang nur Maultaschen oder Spätzle mit Soße essen. Na und? Es sind wir, die Erwachsenen, die ihnen das durch unsere eigenen Vorstellungen von Essen abtrainieren. Und jetzt kommt das nächste Problem. Die Intuition wird abtrainiert und das Kind wird nicht mehr entscheiden können, was für es gut und was schlecht ist, was ihm schmeckt oder schmecken soll, ob es jetzt schon satt ist oder noch nicht. Heut zu Tage gibt es sehr viel Angebote zum Thema „wieder intuitiv essen können“, „das eigene Sättigungsgefühl wieder erlernen“ usw. Komisch, nicht wahr?

Die meisten Glaubenssätze die in der Kindheit entstehen lauten:

Ich bin nicht gut genug. Ich werde nicht geliebt. Keine hört mich. Meine Gefühle sind nicht wichtig. Ich bin für die gute Laune meiner Eltern zuständig. Ich muss still sein. Ich muss brav und artig sein. Ich komme zu kurz. Ich muss Leistung bringen. Ich darf mich nicht durchsetzen. Meine Bedürfnisse sind nicht wichtig. Meine Mama hasst mich. Mein Papa hasst mich. Das Essen ist giftig. Ich muss meinen Teller aufessen, Kinder in Afrika haben nicht zu essen. Ich darf meine Gefühle nicht zeigen. Ich muss stark sein. Ich muss alles perfekt machen. Wenn der Papa nach Hause kommt, dann gibt es Ärger.

Wie hört sich das an?


Wollen wir ein Kind, was alles richtig macht oder eins das glücklich ist?



Nun sind erwachsene Menschen auch mal Kinder gewesen und haben vieles von ihren Eltern gelernt und ihre Eltern von ihren Eltern. Wenn man also, das Verhalten der eigenen Kinder verstehen möchte, sollte als erstes das eigene unter zu Lupe nehmen.



„Glänzende Kinderaugen sind das beste Zeichen für glückliche Kinder“

Volke Harmgardt

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